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Laster und Sucht 2/3 - Der Kampf mit der Verwöhnung

Laster und Sucht: Selbstzerstörung verpackt in Verwöhnung bzw. Selbstverwöhnung - Laster, das kleine Betäubungsgift für den Alltag. Teil 2/3 zum Thema Laster - die Analyse

Laster und Sucht - Verwöhnung - Der Käfig des Alltags

Inhalt



Um zu verstehen wie wir zu Laster, Sucht und Verwöhnung kommen, möchte ich etwas ausholen und über unsere Grundbedürfnisse als Menschen sprechen.


Der Mensch ist ein zielorientiertes, strebendes Wesen, darin sind wir bedürftig. Wir brauchen und wollen das. Im Leben sind wir stets am wachsen, körperlich, seelisch, geistig. Wir wollen weiter kommen, mehr oder weniger, d. h. entdecken, erforschen, ausprobieren, verändern, optimieren, anpassen, etc. Wachstumsprozesse sind in der Regel linear. In unserer Gesellschaft ist mit der heutigen Technik eigentlich das Ende der Linearität erreicht, könnte man meinen. Jetzt müsste eigentlich etwas völlig Neues kommen und dafür das Alte loslassen.


Was meine ich damit? Also z. B. wenn ein Haus fertig gebaut ist, muss man nicht noch komplexer weiter bauen. Jetzt kann man darin wohnen. Wenn man eine Sprache gelernt hat, macht es keinen Sinn noch mehr zu lernen. Jetzt dürfte man die Sprache zur Kommunikation nutzen. Das wäre Sinnorientierung, das Tun hat einen Zweck. Wozu das Haus bauen? Zum Wohnen. Wozu die Sprache lernen? Um die Sprache zu sprechen. Wozu also unser immer modernerer Fortschritt?


Unsere Antwort ist bis heute die Wellnessbewegung - einerseits das Streben nach Wohlbefinden und Gesundheit, aber auch die Erlebnis- und Eventmanie, eine Spass, Glücks- und Komfortorientierung. Wir wollen all unsere Bedürfnisse befriedigen. Es soll uns immer besser gehen in allen Bereichen, das ist das Ziel.


Das ist auch gar nicht verwerflich. Ich denke, wir dürfen einfach die Muse wiederentdecken, denn, wozu soll es uns denn immer besser gehen? Was kommt dann? Auch unser Wellnesstrend ist einer Sinnorientierung unterworfen, weil der Mensch ein Sinnorientiertes Wesen ist.


In der Individualpsychologischen Seelsorge wird gelehrt, dass der Mensch als Grundbedürfnisse Sicherheit und Bedeutung braucht und anstrebt. Unser Persönlicher Wert ziehen wir aus diesen zwei Bedürfnissen im Kontex mit unserem Platz in der der Gemeinschaft. Wenn wir Sicherheit vorfinden, finden wir auch Bedeutung und umgekehrt. Wir fühlen und gleichwertig und zugehörig, wenn wir uns im Allgemeinen sicher und anerkannt fühlen. So sind wir offen und kooperativ, leisten gerne freiwillig Beiträge und haben keinen Anlass etwas zu kompensieren. Da ist kein Minderwert, der ausgeglichen werden müsste.


Ich möchte auch anmerken, dass das Bedürfnis nach Bedeutung, nach Anerkennung, Wichtigkeit und Relevanz, nicht nur eine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit ist, auch wenn genau das vielleicht in unserer Gesellschaft besonders auffällt. Bedeutung haben ist genauso entscheidend für unsere Gesundheit, wie Nahrung und Schlaf. Gesunde Anerkennung ist genau so Nahrung für die Seele, wie Sicherheit, es muss nicht über überhöhte Aufmerksamkeit gelebt werden.


Was explizit Sicherheit und Bedeutung für den einzelnen bedeutet, ist individuell. Doch es gibt natürlich grundlegende Überschneidungen, die jeder Mensch hat und diese passen ganz gut in das Modell von Maslow, dem bedeutenden Glücksforscher.


1.1. Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Der Psychologe Abraham Maslow hat 1943 ein Modell veröffentlicht, um die Bedürfnisse des Menschen zu entschlüsseln. Es nennt sich die Maslow-Pyramide (Krogerus and Tschäpperler 2008). Da werden die Bedürfnisse Stufenweise dargestellt. Ist das untere Ziel erreicht, streben wir das nächste an. (Es gibt auch ein anderes Modell, wo statt 6 Stufen, 4 Bereiche zusammengefasst werden (Sammer 2015).)


Laster und Sucht - Verwöhnung - Bedürfnispyramide von Maslow

Bedürfnispyramide nach A, Maslow:

  1. Physiologische/Körperliche Grundbedürfnisse (Essen, Schlaf, Sex, Wärme)

  2. Existenzsicherheit (Wohnung, Job, Gesundheit, Schutz vor Gefahren)

  3. Soziale Gemeinschaft (Freunde, Ehe, Liebe)

  4. Individuelle Bedürfnisse/Anerkennung (Status, Macht, Geld)

  5. Selbstverwirklichung (Entfaltung von Talenten, Glaube, Berufung, Sinn, Warum bin ich hier?)

  6. Manche Pyramiden gehen weiter und setzen an die oberste Stelle Transzendenz bzw. Selbsttranszendenz

Natürlich will der Mensch grundlegend zuerst seine körperlichen, existentiellen Bedürfnisse abdecken. Doch schon bald strebt er nach mehr Wachstum in materiellen, sozialen und gesellschaftlichen Bereichen. Wenn wir die unteren Bereiche der Pyramide ungenügend abdecken, befinden wir uns in einem echten Mangel bzw. wir empfinden ein echtes im Defizit im Leben. Fehlen uns die oberen Bereiche, können wir unserem menschlichen Bedürfnis nach persönlichem Wachstum, nach Sinn, nicht nachkommen.


Wir brauchen und wollen eben alles: Bedeutung und Sicherheit, körperlich, seelisch und geistig. Wenn der Mensch genug zum Existieren hat, will er eine bessere Wohnung, einen guten Job. Dann möchte er Freunde, vielleicht eine Beziehung. Hat er das oder es ist ihm nicht so wichtig, strebt er womöglich Karriere an oder ein erfüllendes Hobby, wo vielleicht Anerkennung und Selbstverwirklichung möglich ist. Je weniger wir nun körperlich brauchen um Defizite abzudecken, einen gewissen Stand an Wellness oder Wohlstand erreicht haben, desto mehr kommt das Bedürfnis unsere seelisch, geistige Aspekte befriedigen zu wollen.



Laster und Sucht - Verwöhnung und warum der Wellnesstrend nicht glücklich macht

2. Warum das Streben nach Wellness nicht glücklich macht

Das Bedürfnis nach persönlichen Wohlbefinden, nach Wellness, ist also nach dem Maslow-Modell völlig verständlich. In einer narzisstischen Selbstbezogenheit (unsere Selfie-Generation tendiert leider zu Egozentrik) bedeutet das: Maximaler Genuss und Bequemlichkeit mit minimalstem Aufwand.


Doch genau das macht uns nicht glücklich, es gibt uns keine Möglichkeit für Anerkennung oder Bedeutung! Das ist kein Wellness sondern eine Art Well-Stress, denn es sättig unsere Seele nie. Dieser Junk-Food für die Seele bringt keine Lebenslust, sondern macht lebensmüde. Auf den Zuckerkick folgt das Zuckerloch, genau so kann es uns auch seelisch ergehen. Das Laster - der Schokoriegel des Lebens gegen das Nachmittagstief.


Womöglich schreit u. a. darum die aktuelle Generation förmlich nach Lebensqualität und Sinnorientierung. Diese Generation ist schneller auf der Wachstums-Stufe angelangt, als alle Generationen zuvor. Doch unser säkuläres, also atheistisch wirtschaftliches System funktioniert gut bis in mittleren oberen Bereich. Doch dann kommen die Fragen nach Lebenssinn und seelische Zufriedenheit. Die geistigen Bedürfnisse nach Lebenslust wollen befriedigt werden - und viele finden hier v. a. nur Lustbefriedigung, seelischer Junkfood.


Wir erleben ab dieser Stufe der Individuellen Grundbedürfnissen ein Mangel an Wachstum, wenn man bis dort noch nicht Sinn und Zufriedenheit gefunden hat. Wer keinen Beruf oder Hobby ausübt, dass zugleich Berufung ist, sehnt sich nach mehr. Die Übergänge dieser Stufen sind ja auch fliessend.


2.1. Selbsttranszendenz

Viele derjenigen, die noch nach dem Sinn suchen, bewusst oder unbewusst, gehen den Weg in die Selbstfindung und Spiritualität. So boomt der Trend von Esoterik, Buddhismus, Yoga, Veganismus, Okkultem, Religionen etc. Das sind alles Bereiche, wo das ich im Zentrum steht, dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und der Identitätsfindung Hoffnung geschenkt wird. Dort wird jedoch nicht unbedingt Hingabe oder Dienst verlangt, so wie es aber für ein Flow-Gefühl erforderlich ist. Gemeinsam haben aber alle Dinge in dieser Phase, dass es einen Wechsel gibt von „Haben und Besitzen wollen“ (Statussymbole) zu einem „Authentisch in der Welt sein wollen“. Man merkt, dass die Welt nicht genug Lebenssättigung bringt, egal wie viel weltlicher Erfolg man mitbringt.


Darum zeigen mache Bedürfnispyramiden auch eine 6 Stufe, die der Transzendenz bzw. Selbsttranszendenz. Der Begründer der Logotherapie Psychologe Viktor Frankl definiert den Begriff insofern, dass sich eine Person vom Wesen her nicht selbst genügt, sondern auf ein Gegenüber angewiesen ist, das ihn ergänzt und damit ganz bzw. „heil“ macht. Selbst-Transzendenz ist definiert durch den Umstand, dass der Mensch erst dann ganz Mensch wird, wenn er "aus sich heraus tritt" und in der Hingabe an eine Sache oder für andere Menschen aufgeht.


Da stimmt Frankl mit der Erkenntnis der Flow-Forschung von Maslow überein. Das bedeutet aber, dass über dem Menschen noch etwas sein muss, nach dem er sich orientieren und sich hingeben kann, z. B. einer grösseren Sache, tiefen Werten, die für ihn so viel Sinn ergeben, dass er diesem Höheren sein Leben widmen kann. Ein gläubiger Mensch findet hier Gott, der ihm Sinn und Berufung gibt. Denn ab hier geht es nicht mehr um das Ich, sondern um etwas, dass bedeutender ist als unser Ego.


Wenn man aber nicht an etwas Grösseres glauben will, ist der einzige Sinn der wohl bleibt, sich ein schönes Leben zu machen. So gliedert man sich in die Erlebnisgesellschaft ein. Diese bietet einem auch einiges und es lässt sich damit beschäftigen. Doch wirkliche Zufriedenheit, kann man nicht im Schlaraffenland finden, wenn man sein Glück, seinen Lebenssinn, nicht schon auf den Stufen vorher gefunden hat.


Ich bin auf die gewagte These gestossen, die besagt: Grundsätzlich entwickelt man, ohne Gott-Orientiertung bzw. Selbsttranszendenz, also ohne tieferen Lebenssinn, ohne höhere Werte oder etwas an das man glauben kann, eine narzisstische, selbstbezogene Haltung, weil dann nichts grösser ist, als der Mensch selbst. Leider ist das im weit verbreiteten Humanismus so, der Mensch ist auf sich selbst zurück geworfen. Da bleibt nur diese wirtschaftlich gut gestellte, verwöhnte Haltung, auch als Gesellschaft: Was bringt mir/uns das denn, wenn ich etwas beitrage? Was springt für mich/uns denn dabei raus, wenn ich meinen Teil dazu gebe? 


Das ist nicht verwerflich. Evolutionsbiologisch macht solch eine Haltung sehr Sinn. Souvivor oft the fittest, das ist Egozentrik pur. Ohne Sinnorientierung, ohne Glaube an Gott, bleibt im Letzten individualpsychologisch gesehen, eigentlich nur das Streben nach Macht und Lust. Macht meint hier auch Selbstbestimmung, einen direkten Einfluss, Möglichkeiten im Leben haben. Lust ist im positiven Sinn die Genusserfahrung. Im schlechtesten Fall können sich Macht und Lust aber auch in Aggression und Gewalt oder eben Sucht äussern.


Fight or flight, sagt man in der Biologie. Das sind Triebe, wie wir sie an Tieren sehr gut beobachten können. Kampf oder Flucht. Doch wir sind Menschen. Man kann an uns nicht nur durch die Biologiebrille sehen oder nur durch die psychologische oder spirituelle. Wir sind ganzheitlich, eine Seele in einem Körper und Geist. Und da wären wir nun an einem entscheidenden Punkt in der Laster und Sucht-Thematik:


Die Seele flüchtet in die Sucht.

Der Geist hat ohne Gott, ohne die Orientierung an das was grösser ist als er, nichts woran er sich aufrichten kann. Erinnern Sie sich an den 1. Teil:


Unser Wohlstand kann in zwei Richtungen fliessen, in gesunder Wachstum oder in die Flucht.

Das streben nach (körperlichem, seelischen, geistigem) Wachstum, nach Leben, kann in Macht umschlagen (Aggression, Kampf) oder in Flucht (Sucht).


Vielleicht ist dein Laster auch eine Sehn-Sucht nach Leben. Diese Suche nach Leben, die eine Befriedigung sucht, ist eine Sinnsuche, vielleicht eine Suche nach Erfüllung, Liebe, nach Glauben und Hoffnung. Dem Gegenteil von Lebensmüdigkeit.



3. Laster und Sucht: Verwöhnung ist Leidensflucht

Vom Teil 1 haben wir auch erfahren, dass wir das Flow-Gefühl, also das wahre Glücks-Gefühl, nur über Disziplin erlangen können. Disziplinprobleme bekommt man aber dann, wenn nur das Lustprinzip gilt und man nichts höheres hat, für das sich der Verzicht lohnt. Ist unsere Gesellschaft also Wellnessorientiert, überwiegt die Orientierung an Lust. Echte Lebenslust wird aber schwierig, wenn Hingabe als Wert nicht gefördert wird.


Diese Suche nach Leben, richtigem Leben, klingt ja eigentlich paradox, denn man lebt ja die ganze Zeit. Wahrscheinlich ist es eher so, dass man den eigenen Lebensstil unakzeptabel findet. Also vielleicht sind einem die aktuellen Lebensumstände im Moment zu wider. Der „optimale“ Partner noch nicht gefunden, der Job nur mittelmässig, das Gehalt stimmt noch nicht für das neue Auto, usw. Der persönliche Wachstumsbedarf ist noch nicht erfüllt. Man lebt noch nicht das eigentliche Leben, dass man sich wünscht, ganz nach dem Erst wenn, dann-Prinzip. Doch: Wer nicht im jetzt lebt, ist nicht frei und muss sich darüber hinweg trösten!


3.1. Aber wenn nicht jetzt, wann dann?

Unterwegs zu diesem eigentlichen Leben, bedient man sich dem Laster. Wenn ich meine Macht ausübe, also noch am kämpfen bin, aber scheinbar mein Ziel (noch) nicht erreiche, dann ergreife ich halt die Flucht und wähle Sucht. Also kompensieren wir unser „Erst-wenn,-dann-Leben“ mit Süchteleien, als Überbrückung. Man gönnt sich ja sonst nichts. Da darf man sich auch mal verwöhnen. Eigentlich tröstet man sich damit. Doch das grosse Problem bei der Sucht ist, dass auf Dauer kein richtiger Genuss, kein ehrlicher Spass, kein wirkliches Vergnügen, keine wahre Sättigung entsteht. Und was ist, wenn ich mein Erst-wenn,-dann-Leben gar nie erreiche?


Es gibt auch einen positiven Umgang mit Genussmittel. Wer Mass hält kann Geniessen. Das ist eine Glücksformel. Ich gebe mir jetzt das wonach ich mich sehne, aber halt nicht im Übermass. Mass-halten ist eine Form von Disziplin. Der Schlüssel dafür ist: Ich darf mir etwas Gutes gönnen! Doch im Überfluss lebt man das zu häufige "Gute", was auf Dauer zu was Schlechtem wird!


Warum sollte Mass-halten der Schlüssel sein für Genuss, also positive Lust? Die Dosis macht das Gift, weiss der Volksmund. Alles ist giftig oder schadet mir, ab einem gewissen Mass, selbst Karotten. Wenn ich mir das Stück Kuchen oder die Zigarette gönne, tu ich mir ja „was Gutes“, zumindest für den Moment. Das ist ja auch Genuss und nicht übertrieben, denken Sie. Ja das stimmt. Wenn Sie das nicht all Stunde wiederholen, haben Sie Recht. Was "gut" für die Seele ist muss nicht gesund für den Körper sein.


Wenn sich hinter dem Laster die wahre Last zeigt

Wir sollten bei Genussmittel in Bezug auf Laster und Sucht aber etwas bedenken. Wenn Sie sehr viel Genuss im Leben brauchen, dann deshalb, weil etwas sehr Ungeniessbares in ihrem Leben ist. Doch die Giftigkeit ihres wahren Problems (z. B. der miserable Job) ist womöglich bereits längstens überschritten. Dieses „Gift“ kann sich sich in Verbitterung, Neid, Missgunst zeigen. Doch das wollen Sie sich vielleicht (noch) nicht eingestehen! Deshalb „therapieren“, ja trösten, Sie sich z. B. mit dem Wochenend-Party-Lifestyle, der für sie noch nicht so giftig ist, wie der Job. Es ist das verträglichere Gift. Aber ein Gift ist es trotzdem, es zeigt seine schädigende Wirkung vielleicht erst in ein paar Monaten oder gar Jahren.


Was ich sagen will, ist, wenn ich diese belastende Situation, das eigentliche Problem nicht akzeptiere (mir gefällt der miese Job wirklich nicht, auch wenn er viel Geld bringt), bin ich ja mit mir (noch) nicht zu frieden. Also meine Seele ist mit meiner Lebensgestaltung nicht zufrieden. Ich bin nicht im Reinen mit mir, ich bin vielleicht noch nicht gut genug für mich selber. Dann fragt die Seele: Wo ist meine Würde? 


Als allererstes wäre es gut, wenn man diese Tatsache wahrnehmen und akzeptieren könnte. Richten Sie ihre Aufmerksamkeit mal nicht auf ihr Laster, sondern auf die wirkliche Last in ihrem Leben. Können Sie diese spüren oder haben Sie sich schon so gut abgestumpft und die Sensibilität dafür erfolgreich verdrängt? Nehmen Sie sich doch bitte Zeit dafür. Tun Sie es für ihre Selbstachtung.


Wir denken ja gerne: Erst wenn ich z. B. 10 kg abgenommen habe, dann brauche ich ja nicht mehr zu rauchen, oder die ganze Trostschokolade am Abend zu essen. Alle kleinen und grossen Laster haben als Beweggrund eine Sehnsucht, ein Defizit; Mir fehlt etwas! schreit die Seele.


Vielleicht klingt die Frage fast ein bisschen zu banal, aber könnten Sie sich vorstellen, dass wenn Sie die eigentliche Last los wären, auch das Laster nicht mehr bräuchten? Wenn Sie ihre echte Sehnsucht stillen könnten, ihre Sucht nicht mehr hätten?


In Wohlstandsgesellschaften wirkt es im Zwischenmenschlichen eher kalt, v. a., wie ich finde, im Deutschsprachigem Raum. Wir haben da eher Leistungsbezogene Werte, die uns aber u. a. zu diesem heutigen Wohlstand führen.


Ich finde dieses Phänomen ist weltweit zu beobachten. In den ärmsten Ländern wird man von den Einheimischen eingeladen, angelächelt und Leute kommen auf einen zu. Es wird geteilt. Klar nicht überall, aber wenn man in reichere Länder geht, sieht die Willkommenskultur ganz anders aus. Man ist zunehmend reservierter, misstrauischer. Jetzt gehört einem was, das muss man schützen, das kann man schliesslich verlieren, verständlicherweise. Wie auch immer, ich beobachte, dass diese fehlende zwischenmenschliche Wärme hier besonders gerne mit Verwöhnung ausgeglichen wird, weil überhaupt die wirtschaftliche Lage gegeben ist!


Bei Verwöhnung spreche ich grundsätzlich vom negativen Aspekt. Aber wie alles zwei Seiten hat, möchte ich kurz differenzieren.


Positive zwischenmenschliche Verwöhnung

Verwöhnung im positiven Sinne, äussert sich nicht in dauerhaften Selbstverständlichkeit. Sie ist wie ein Geben und Nehmen, ein Wertschätzungsbeitrag, bewusster Genuss, ein Mass halten, wo eine Dankbarkeit möglich wird. Auf Beziehungsebene heisst das: Womit kann ich eine Freude bereiten? Es ist eine dienende, schenkende Haltung ohne Forderung, ohne Kompensation, ohne dass der Schenkende oder Beschenkte damit getröstet werden müsste. Es hat einen gleichwertigen Aspekt mit der Haltung: Wir sind alle gleich viel Wert und trotzdem diene/verwöhne/schenke ich dir, weil du mir auch dienst/verwöhnst/beschenkst.


Negativen Verwöhnung - Pseudoverwöhnung

Bei der klassisch schädlichen Verwöhnung geht es darum einen Kick zu erzeugen! Da ist ein Defizit und ein normaler Genuss reicht nicht aus. Es braucht mehr. Das Ziel ist das Schlaraffenland-Gefühl für mich oder den anderen. Eine Verge-wohl-tätigung. Da wird auf der einen Beziehungsseite nicht freiwillig gedient und es kostet auf der Nehmer-Seite auch keine Disziplin. Im Schlaraffenland gibt es keinen Genuss mehr, kein Geben und Nehmen, nur Übermass, keine Dankbarkeit. Das macht im allerersten Moment Spass, doch dann gewöhnt man sich daran. Da ist keine Beziehung. Es braucht es einfach nicht. Es braucht auch keine Helden, keine Tapferkeit, keine Bedeutung, weil es keinen Mut, Disziplin oder Rückgrat braucht. Es gibt nichts zu tun, nichts beizutragen und es gibt keinen Sinn. Auf Dauer ist das lebensermüdend ja lebensunwürdig. Es liegt keine Würde im dauerhaften passiven Konsumieren, im Fressen und faul Herumliegen.


Diese Pseudoverwöhnung kann man noch unterteilen in tatsächliche Pseudoverwöhnung und zynische Pseudoverwöhnung.


  • Tatsächliche Pseudoverwöhnung: Ich bekomme was ich will/brauche, aber ein Übermass um ein Genuss-Bedürfnis zu stillen, klassische Ersatzbefriedigung

  • Zynische Pseudoverwöhnung: Ich bekomme was ich nicht will/brauche, ein Übermass von dem ich kein Bedürfnis habe, sogar böse Schädigung

  • Gesunde Verwöhnung: Ich bekomme was ich will/brauche, im angemessenen Mass um ein Bedürfnis nach Genuss zu stillen


Diese Pseudoverwöhnung, dieses Leben ohne Mass, führt zu Abstumpfung. Man nennt das u. a. eine Toleranzentwicklung. Z. B. sind Pornofilme oder Horrorfilme eine völlige Überspannung der Gefühle, wenn man "nüchtern" und unerfahren startet. Mit regelmässigem Konsum verliert der normale Liebesakt seinen Genuss. Ich brauche immer mehr vom richtigen Kick, dann, wenn ich gerade will und das Bedürfnis habe und es soll auch genau so sein wie ich es mir wünsche. Ich bin im Sexuellen Bereich passiver Konsument geworden, träge und die Überstimulation wurde normal. Also brauche ich immer mehr, immer härten Stoff, um überhaupt etwas zu spüren.


Der normale Nervenkitzel beim Actionfilm ist langsam langweilig geworden. Ich will echte Angst sehen, echten Horror spüren, alles andere ist mir zu weich. Das spüre ich nicht mehr. Da bin ich nun abgehärtet, abgestumpft, taub und unsensibel geworden.


Unser Hirn verkraftet ein Übermass an Eindrücke nicht. Damit unsere Seele keinen Schaden nimmt und unser Nervensystem nicht völlig überreizt, wird die Fähigkeit der Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit, reduziert. Würde unser Körper und Psyche das nicht tun, wäre unsere Seele überreizt und wir könnten uns nicht mehr frei im Alltag bewegen. Diese Stressreaktion nähme uns völlig ein. U. a. wird auch ein Trauma durch übermässige Stressreaktion eines Erlebnisses erzeugt. Konsumierst du regelmässig Pornos oder Horror-Filme, bist du leider bereits ein bisschen abgestumpft und müsstest die Fähigkeit zum Feingefühl, die nötige Sensibilität für Normalität in diesen Bereichen wieder erlernen.



Laster und Sucht - Verwöhnung als Ersatz für echte Liebe

4. Verwöhnung als Ersatz für echten Trost

In der Literatur findet sich z. B. zum Rauchen etwas erstaunliches. Oft beginnt man zu rauchen aus dem Bedürfnis heraus, ernst genommen zu werden. Das passiert gerne in Jugendlichen Jahren und durch Gruppendruck, wenn unser Gemeinschaftsgefühl stark gefordert wird.


Wir haben ja kein stündliches Bedürfnis nach dem Geschmack der Zigarette. Vielleicht mögen wir den Tabak-Genuss bei einer teuren kubanischen Zigarre. Doch der Raucher raucht wegen der Nikotinsucht. Und anfangen zu rauchen tun wir, weil es „cool“ ist, uns scheinbar älter, reifer macht. Coole Menschen rauchen. Erwachsene rauchen. Diejenigen in der angesagten Clique rauchen. Draufgänger rauchen. Vorbilder rauchen. Sogar mein Lieblingslehrer rauchte und der weiss was cool ist, der ist locker. Wichtige Menschen rauchen. Vielleicht haben Sie sich das mal unbewusst gedacht, wenn sie mal mit Rauchen begonnen haben. Ich will auch wichtig/cool/eine Respektsperson sein. Wichtig-sein, Bedeutung zu haben, ist ein echtes Bedürfnis, dass uns gleichzeitig auch Sicherheit gibt. Eine Zigarette anzünden und schon gehört man dazu. Maximaler Ertrag für minimalen Aufwand. Cool!


Jeder Mensch will voll leben. Nur wissen Lebensmüde nicht so recht, wie man sich nicht dauerhaft schwächt! Wir müssen nicht immer etwas zusätzliches für Veränderung tun. Stärkung und Erleichterung im Alltag erreichen wir manchmal schon, wenn wir bestimmte Dinge einfach nicht mehr tun. Der eine Moment des Aushaltens, kann einen längerfristigen Gewinn bringen!


Verwöhnung ist eigentlich ein Betrug. Sie ist Junkfood-Trost. Wir Menschen brauchen Trost auf Leid und Schmerz. Doch echter Trost ist nur durch Liebe möglich. Verwöhnung ist eine Vermeidung von echter Liebe, ob das nun gewollt ist oder nicht.


Ich mache Mal ein Bsp. für Verwöhnung bei anderen, weil uns das leichter auffällt, als die eigene Selbstverwöhnung. Also wenn z. B. Mama und Papa keine Zeit haben, dann kaufen sie dem Kind dafür eine teure Spielkonsole, womit es die Zeit ihrer Abwesenheit vertreiben kann. Wahrscheinlich haben sie tatsächlich ein schlechtes Gewissen, aber der Schmerz ist nicht so hoch, als dass sie sich wirklich die Zeit für ihr Kind organisieren würden. So bekommt das Kind zwar nicht das, was es eigentlich braucht, Aufmerksamkeit in Form von Zeit, sondern Verwöhnung. Eltern können sich das ja schön reden, denn andere Kinder bekommen ja nicht so teure Geschenke. Aber es bleibt bei der Ersatzbefriedigung für das Kind. Nun, genau das gilt für die Selbstverwöhnung genau so, nur agieren wir dann als wären wir Mama und Papa für unser inneres Kind unsere Seele.


Was denken Sie, mit was wird das Kind wohl reagieren, wenn es zukünftig die Erfahrung macht, dass andere keine Zeit für ihn haben wollen? Es wird sich womöglich mit einem "Spielzeug" trösten wollen bzw. sogar danach verlangen und empört sein, wenn man ihm das verwehrt! Genau auch das passiert mit uns bei der Selbstverwöhnung. Wir setzen uns selbst keine gesunden Grenzen mehr. Im Gegenteil, wir bestehen darauf, auch vor anderen, dass wir uns das doch Wert sind! Wie empörend, wenn wir das nicht von der Welt bekommen.


Ich will Eltern an dieser Stelle auch nicht noch Salz in die Wunde streuen. Aber ich denke, wir dürfen verstehen, dass hier dem Kind schon den Grundmechanismus für zukünftige Laster beigebracht wird: Du kannst die wahren Bedürfnisse, die für unseren Alltag womöglich, eine Last oder sogar lästig sind, durch etwas anderes, tröstendes, verwöhnendes kompensieren. Liebes Kind, du hast zwar Hunger, ich habe bzw. will mir aber keine Zeit nehmen dir etwas nahrhaft Gesundes zu kochen, dann bestell ich dir halt Pizza, auch weil ich keine Lust habe dir wahrhaft Grenzen zu setzten. Du wirst zwar dann ziemlich bald wieder Hunger kriegen, aber ich will am Grundproblem, dem Grundbedürfnis, der fehlenden Zeit und Energie, nichts ändern.


Auch hier lernt das Kind Selbstverwöhnung. Als Erwachsener würde es unreflektiert wohl, vielleicht sogar 1 zu 1 automatisch eine "Trost-Pizza" bestellen oder einem anderen Ersatzprodukt.


Gleichgültigkeit

Bei der Sucht tun wir genau das gleiche mit uns. Die Sucht ist eine Art Lebensleid-Vermeidungs-Mechanismus aus einer Not heraus. Der Wohlstand an sich, ist nicht das Problem. Denn, wir könnten uns auch für Wachstum, für Selbsttranszendenz und Aufrichtigkeit entscheiden, statt für reine Lustbefriedigung. Die kleinen Laster sind als Ersatz für Liebe und Achtsamkeit, welche für die Erfüllung echter Bedürfnisse da wäre. Die Verwöhnung, die zur Abstumpfung führt, ist diese zwischenmenschliche Kälte, auch uns gegenüber. Abstumpfung führt zur Gleichgültigkeit gegenüber dem wahren Bedürfnis. Und diese Gleichgültigkeit zeigt sich in der Aufrechterhaltung der Ersatzbefriedigung, dem Laster.


Es ist mir egal, dass unser Kind das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hat, ich will mir keine Zeit für ihn nehmen. Ich schenke ihm lieber eine Spielkonsole, denn die ist ja teuer! An dieser, hat er bestimmt auch grosse Freude und es zeigt ja auch, dass er es mir wert ist! Nur die Zeit, die ist er mir nicht Wert, da hat meine Karriere / mein Hobby / etc. Vorrang.


Das würde ihnen nie jemand so sagen, aber das Handeln sagt genau das. Wir werden u. a. gesellschaftlich so erzogen. In der Werbung ist „Verwöhnung“ Thema Nr. 1. Besonders in der Weihnachtshektik wird die Liebesarmut sichtbar. Man fühlt sich vielleicht sogar verpflichtet jetzt erst recht zu Verwöhnen, da man ein schlechtes Gewissen hat. D. h. jetzt nicht, dass man sich nichts mehr Besonderes schenken kann. Mit Liebe etwas schenken bringt Freude! Doch das Schenken ist dann nicht erzwungen, kommt nicht aus einem schlechtem Gewissen heraus.


Ich will hiermit bewusst machen wie wir kompensatorisch zur Selbsttröstung geprägt sein könnten. Wenn ich schon keine Zeit habe, dann wenigstens etwas Teures. Wenn ich mir schon nicht erlaube mich schön zu fühlen, dann darf ich auch Schokolade zum Trost essen. Wenn ich mich dann schön fühle würde, dann esse ich keine Schokolade mehr. Wenn ich schon diesen scheiss Job machen muss, dann darf ich mich auch mit Alkohol betrinken. Denn: Wenn ich mal einen besseren Job habe, dann trinke ich ja keinen Alkohol mehr.


Diese Gleichgültigkeit gegenüber anderen, ist die selbe Gleichgültigkeit uns gegenüber. Verwöhnung ist der Schleier über der Gleichgültigkeit. Unsere Leistungsgesellschaft hat einen Sinn, ein Streben nach Profit. Der kann zu einer negativen Schlussfolgerung führen: Es interessierst mich nur, wenn ich davon profitiere. Wir heiraten sogar aus dem unbewussten Trieb, dass der Partner uns einen Gewinn bringt. Und wenn es es nur der ist, dass ich mich in der Gegenwart dieses Menschen gut fühle. Das ist menschlich, den evolutionsbiologisch heisst es ja: Survivor of the fittest. Mit dem Partner, der meine Fähigkeiten ergänzt, werde ich diesem Trieb gerecht. Körperlich anziehend finden wir auch nur diejenigen, die zu uns grösstmöglichen genetischen Unterschiede mitbringen, denn das ermöglicht evolutionär das bestmögliche Immunsystem der nächsten Generation.


Der Abstumpfungsprozess der Pseudoverwöhnung ermöglicht uns auf Dauer die Gleichgültigkeit oder Ungerechtigkeit auszublenden, ja wir gewöhnen uns sogar daran und entschuldigen es vor uns! Dieses Verhalten wurde ausführlich von einem Dr. Milgram erforscht (Buchtipp: Hanna Arendt; Die Banalität des Bösen). Die Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit ist uns in der Verwöhnungsgesellschaft egal geworden. Uns selbst und anderen gegenüber.



Weiter geht es in Teil 3 zum Thema Laster


Krogerus, Mikael, and Roman Tschäpperler. 50 Erfolgsmodelle; Kleines Handbuch für Strategische Entscheidungen. Zürich: Kein & Aber AG , 2008;

Sammer, Petra. Story-telling; Die Zukunft von PR und Marketing. Heidelberg: dpunkt.verlag GmbH, 2015; Willberg, Hans-Arved. Kleine Laster; Alltagssüchte - wie Sie sie erkennen und bewältigen. Witten: SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, 2008; zdfinfo. Sexsucht - Wenn die Lust zur Droge wird. 22. 09 2016. www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video2709166/Sexsucht---Wenn-die-Lust-zur-Droge-wird (Zugriff am 2016). Transzendenz Definition: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-211-99131-2_1726#:~:text=Selbst%2DTranszendenz%20ist%20definiert%20durch,zum%20Sinn%3B%20%E2%86%92%20Logotherapie)., zugriff 19.05.2024








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